Darum schätzen wir Aufwände so schlecht!

Die meisten Projekte dauern länger als geplant. Häufige Ursachen sind ein unklarer Projektauftrag, viele Änderungen gegenüber der ursprünglichen Planung und eben auch ungenaue Schätzungen. Gerade bei Softwareprojekten sind Schätzungen schwierig und so fand ich das aktuelle Posting von Glen B. Alleman zu Fehlerquellen bei Schätzungen äußerst spannend. Er kommentiert die wichtigsten Gründe aus Michael Axelsen’s Review des Papers Judgment under uncertainty: heuristics and biases von Tversky & Kahnemann (1974):

  1. Repräsentativität
    Beispiel: Die Kollegen in Florida haben die Aufgabe in 1.400 Stunden erledigt, also sollten wir das auch schaffen.

  2. Mangelnde Berücksichtigung der statistischen Verteilung früherer Aufwände
    Beispiel: Die anderen haben 1.400 Stunden gebraucht, aber auch ohne genaue Analyse haben wir genug aus den Fehlern gelernt um mit weniger Aufwand fertig zu werden.

  3. Mangelnde Berücksichtigung der Stichprobengröße
    Aus wenigen Werten kann man eben nicht besonders gut auf zukünftige Aufwände schließen.

  4. Fehleinschätzungen von Zufällen
    Beispiel: Ich habe das an 3 oder 4 anderen Stellen gesehen, also wird das Gleiche hier passieren.

  5. Unbegründete Vorhersagen
    Beispiel: Beim letzten Mal ist es aus dem Grund so passiert, also liegt diesmal der gleiche Grund vor.

  6. Fehleinschätzung der Regression
    Beispiel: Aufgrund der Schätzungen können wir die Varianz ermitteln und darauf basierend die zukünftige Arbeit einschätzen.

  7. Befangenheit aufgrund der ausgewählten Referenzergebnisse
    D.h. meist werden Beispiele verwendet, die einem besonders geläufig sind.

  8. Befangenheit aufgrund der Verfügbarkeit von Daten
    Beispiel: Wir hatten nur die Daten des Projekts in Dallas und haben dessen Daten für unsere Schätzungen verwendet.

  9. „Abgleich und Verankerung“
    Beispiel: Das Managemen that uns eine initiale Schätzung hinsichtlich Kosten und Zeitplanung geliefert auf dessen Basis wir eine verbesserte Schätzung liefern müssen.

  10. Befangenheit hinsichtlich der Bewertung von (un)abhängigen Ereignissen
    Beispiel: Unsere Daumenregel hat uns in der Vergangenheit gute Dienste geleistet.

  11. Beharren auf einer subjektiven Einschätzung der Wahrscheinlichkeitsverteilung
    Beispiel: Lasst uns die Varianzen nicht groß verändern, das fühlt sich in dieser Situation einfach nicht richtig an.


Ich finde die Punkte spannend, da sie die meisten Schätzmethoden und insbesondere die Qualität von Dreipunktschätzungen in Frage stellen. Besonders bei Softwareprojekten, die von Entwicklern geschätzt werden die auch selbst den Code zu entwickeln haben, liegen Schätzungen häufig zu hoch in der Hoffnung genug Puffer eingeplant zu haben. Auf der anderen Seite werden auch gerne optimale Zahlen geschätzt und mögliche Probleme unterschätzt.

Diese Punkte finden sich beispielsweise nicht in der obigen Liste. Kennen Sie weitere Ursachen für schlechte Aufwandsschätzungen?

Ansonsten können Sie natürlich mit der Vorlage von Stephan Schmidt auch einen Schätzwürfel bauen und den Aufwand für Aufwandsschätzungen erfolgreich minimieren…selbst Kraken und Affen überrunden ja inzwischen die Experten

4 Antworten zu Darum schätzen wir Aufwände so schlecht!

  1. Hallo,

    wenn man sich mit Critical Chain Projektmanagement an Schätzungen macht und es geschafft hat, die entsprechend notwendige offene Kultur aufzubauen, kann man sehr deutlich den „Faktor Mensch“ beobachten: je mehr ein Team gemeinsam an einem Strang zieht, desto weniger versteckte Reserve wird eingeplant. Die Menschen vertrauen darauf, dass der gemeinsame Puffer auch wirklich für alle da ist und keine Genickschläge für spätere Abgaben verteilt werden, wenn man am Ball geblieben ist und die Arbeit nicht für andere Projekte unterbrochen hat.

    Holger Zimmermann
    Projektmensch.

  2. […] Erwartungshaltungen unsere Schätzungen sabotieren Vor einigen Tagen hatte ich bereits 11 Gründe für schlechte Aufwandsschätzungen gepostet. Jetzt hat sich Josh Nankivel vom Blog pmStudent hingesetzt und die Master thesis […]

  3. […] Andreas Heilwagen setzt sich mit einem Beitrag von Glen B. Alleman zum Thema Fehlerquellen bei Schätzungen auseinander. […]

  4. Frank Arndt sagt:

    Hallo,

    ich glaube dies ist eine Fragestellung die sich auf nahezu jede nicht triviale Entscheidung beziehen könnte. Die eigentliche Frage die sich dahinter verbirgt ist: Wie denken wir? Wieviel investieren wir in unsere Entscheidungen, in einer komplexen Welt? Die Mehrheit denkt heute linear und versucht Lösungen zu finden, Komplexität zu verdrängen in dem diese einfach negiert wird bzw. simplifiziert wird. Langfristig und in einer komplexen Welt kann das natürlich nur schief gehen, wir wissen das, die Masse toleriert das… kurzfristige Lösungen sind oftmals das Maaß der Dinge. Nur wie die aktuelle Krise beweist und sich ständig verschärfende Wettbewerbsbedingungen es immer dringlicher erscheinen lassen, genügt dies zukünftig nicht mehr. Über 60 Jahre hat angewandte Kybernetik, vernetztes systemisches Denken (Methoden & Werkzeuge) es nicht vermocht in der Praxis Fuß zu fassen, praktikabel einen erfolgreicheren Ansatz zu präsentieren. Die Ursachen sind vielfältig. Nun aber nach 60 Jahren Forschung und Entwicklung und möglicherweise auch dem notwendigen Liefer-/ Erolgsdruck aus der Praxis fängt sich an etwas zu bewegen. Seit der Jahrtausendwende verfügen wir erstmal über Methoden und Werkzeuge welches es uns ermöglichen nahezu intuitiv die Begrenzungen des linearen Denkens zu überschreiten ohne dabei unsere eigentlichen Aufgaben und Fachgebiete verlassen zu müssen. MindMap, grafisch denken zu können war der Einstieg, lebendige MindMap’s, lebendige Ursache-Wirkungsbeziehungen als Modelle aus der Realität und aufgebaut durch vernetztes Denken sind der nächste Schritt. Siehe hier:[consideo] http://bit.ly/bWkVjP home: http://bit.ly/cRCb5q Erste weitere Innovationen sehen wir heute durch die Erweiterung konventioneller BI Ansätze / Methoden / Produkte und Verfahren ebenfalls durch den systemischen Ansatz, siehe hier: [coretelligence] http://bit.ly/c6ANVN Fach-Presse: http://bit.ly/cNeC9C

    Dieses veränderte Denken angewandt, auch in der Schätzung für Projektaufwendungen wird nachhaltig den Erfolg bringen, nicht ob in der obigen Aufzählung noch 3 oder 5 Faktoren fehlen. Dazu bedarf es einer Veränderung der Kultur in den Unternehmen und vieler weiterer mutiger Menschen die das Kreuz durchdrücken und sicherlich noch eine ganze Weile gegen den Mainstream „anschwimmen“ müssen. Ich glaube es lohnt es lohnt sich, viel Erfolg.

    Frank Arndt
    CEO Management Innovator UG / Braunschweig Germany

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