Innere Einstellung vs. Werkzeuge und Techniken – der blinde Fleck des PMP® als Prozess- und Methodenmechaniker

Bisher habe ich mich immer recht pauschal zu den fehlenden Soft Skills im PMBOK® Guide geäußert, der Kollege Kumar Sarma hat es in PM WORLD TODAY im März gut auf den Punkt gebracht. Der weltweit führende Standard des PMI definiert Projektmanagement über die Anwendung von Wissen, Fähigkeiten, Werkzeugen und Techniken. Kumar Sarma ersetzt den dritten Punkt und bietet folgende Liste an:

  • Wissen – was ist zu tun
  • Fähigkeiten – wie ist es zu tun
  • Einstellung – will ich es tun

Aus seiner Sicht sind die Auswirkungen der inneren Einstellung meist so stark, dass Wissen und Fähigkeiten in den Hintergrund treten. Als externer Projektmanager ist es mir in den letzten Projekten ähnlich gegangen. Da gab es die Projektteammitglieder, die von sich aus bereits motiviert am Projekt mitgearbeitet haben, einige für die das Projekt ein Nebenthema war und einige, die in Meetings einfache Dinge kompliziert machten und kaum von sich aus die Aktivitäten zum Abschluss von Arbeitspaketen eigenständig durchführen konnten.


Als externer Projektmanager muss man bei diesen problematischen Teammitgliedern zunächst das Wissen und die Fähigkeiten unterstellen, Arbeitspakete umzusetzen. Das Thema innere Einstellung, da stimme ich dem Kollegen zu, schlägt alle anderen Faktoren. Die Methoden und Techniken aus dem Soft Skill-Bereich um Einstellungsprobleme anzugehen sind wohlbekannt. Vielmehr stelle ich mir in diesem Posting die Frage, warum der PMBOK® Guide auch in der 4th edition den Bereich Soft Skills praktisch ignoriert, deren Wichtigkeit offensichtlich ist.

Die National Competency Baseline (NCB) als Kern der Denkwelt der GPM (IPMA) widmet sich grob zu einem Drittel dem Thema. Unser Thema Einstellung ist dort durch die Kompetenz Engagement und Motivation erfasst. Engagement ist als der persönliche Einsatz, den der Projektmanager und die am Projekt mitarbeitenden und an ihm beteiligten Personen aufbringen definiert. Weiter heißt es: „Engagement lässt Menschen an das Projekt glauben und erweckt den Wunsch daran teilzunehmen„. Diese beiden Sätze bringen den Kern des Themas adäquat auf den Punkt.

Wenn ich nun als PMP® mit der Weltsicht des PMI das Leben betrachte, bin ich vorwiegend ein Prozess- und Methodenmechaniker, denn das PMI schert sich wenig um Soft Skills, auch wenn es ein Placebo-Kapitel am Ende des PMBOK® Guide gibt. Zwar werden auch für den PMP® in der Prüfung viele Soft Skills implizit über die Antworten auf schwierige interpersonelle Situationen abgefragt, allerdings ist die Ahnung eines Verdachts einer Vermutung kein Wissen.

Deshalb sollte sich aus meiner Sicht jeder PMP®, der auf seine Zertifizierung „stolz“ ist, den Soft Skill-Bereich der NCB durchlesen und für sich prüfen, wie weit er glaubt diese Kompetenzen zufriedenstellend abzudecken. Gerade in diesem Bereich macht eine kontinuierliche Weiterbildung Sinn.

In den vergangenen Jahren ist meine Unzufriedenheit mit diesem blinden Fleck des PMI kontinuierlich gestiegen. Sind Sie mit dieser Situation zufrieden oder wie gehen Sie damit um?

2 Antworten zu Innere Einstellung vs. Werkzeuge und Techniken – der blinde Fleck des PMP® als Prozess- und Methodenmechaniker

  1. Meine Erfahrung aus Projekten und Seminaren ist, daß Projektmanagement als Methode verstanden wird. Also Termin-/Kosten-Planung, Risiko-Analyse usw. im Fokus steht. Die soziale Kompetenz ist außen vor bzw. wird wo anders behandelt bzw. ist generell im Berufsleben wichtig.

    Als freiberufliche Projektmanagerin sehe ich die Sozialkompetenz von mir und der Team-Mitglieder als zentralen Punkt. Die Methoden sind die Basis und tragen auch wesentlich zum Projekterfolg bei. Die Methoden kann ich aber noch so gut beherrschen, wenn ich nicht führen kann.

    Ob nun PMI die Sozialkompetenz mit aufnehmen soll, hängt vom Verständnis ab. Wenn PMI ein ganzheitliches Verständnis von Projektmanagement hat, dann muß die Sozialkompetenz mit rein. Nur wie soll das im Multiple Choice-Test abgefragt werden? Bei GPM gibt es ja eine Befragung und Projektplanspiel zur Zertifizierung. Dort kann Sozialkompetenz viel besser geprüft werden.

    • Um wirklichen Mehrwert für Projektmanager zu bieten, sollte das PMI aus meiner Sicht Soft Skills adäquat berücksichtigen, auch wenn dies bedeutet das Prüfungsverfahren umzustellen oder einen Nachfolger zur PMP®-Zertifizierung einzuführen.

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