Wie klassifiziere ich Risiken…ein Rezept

Praxis (Icon)Wie gestern versprochen, erläutere ich heute, wie man Risiken klassifizieren kann. Viele Unternehmen tendieren dazu Risiken rein monetär zu bewerten. Am Beispiel Imagepflege als wichtigem Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen lassen sich die Schwierigkeit erahnen, die mit einer rein monetären Risikobewertung einhergehen. Darüber hinaus bin ich der Ansicht, das Chancenmanagement als Wettbewerbsfaktor eine viel höhere Bedeutung zugemessen werden sollte.

Schauen wir uns nun nochmal die Matrix zur Ermittlung von Prioritäten von Risiken aus dem letzten Posting an:

Risikoprioritäten


Die stochastische Wahrscheinlichkeit eines Risikos zu ermitteln ist relativ einfach. Um den Diskussionsbedarf bei der Einschätzung zu verringern, erfolgt eine Einstufung in sechs Wahrscheinlichkeitsklassen. Dabei ist die 0%-Klasse ein Extremwert und bedeutet: Risiko ist eingetreten. Bleibt also die Einschätzung in die Klassen 1%-20%, 21%-40%, 41%-60%, 61%-80% und 81%-100%. Über diese 5 Stufen kann man sich in Diskussionen noch relativ einfach einigen. Schwieriger wird es bei der Kategorisierung von Auswirkungen.

Was bedeutet nun gering, mittel, hoch und fatal?
Und vor allem in welcher Hinsicht? Hierauf müssen Sie eine einfache Antwort geben können. Denn Grundsatzdiskussionen in jedem Meeting zum Thema Risiken und Chancen sind fatal. Meine Antwort darauf basiert auf den Wissensgebieten des PMBOK® Guide und meiner Auffassung von klassischen Projektrandbedingungen und Projektrandbedingungen in agilen Projekten.

Bei den Wissensgebieten des PMBOK® Guide geht es um Integration, Scope, Zeit, Kosten, Qualität, Personal, Risiko, Kommunikation und Beschaffung. Meine präferierten Projektrandbedingungen sind Scope, Zeit, Kosten, Qualität und Kundenzufriedenheit. Nicht alle Stichworte eignen sich für die Klassifizierung von Risiken. Ein weiterer Pool von Klassifikationskriterien ergibt sich aus den Fragen nach dem Projekterfolg und dem Projektmanagementerfolg. Erstere fragt danach, ob das Produkt oder der Service des Projekts die Erwartungen des Auftraggebers erfüllt hat und zweitere, ob das Management des Projekts gut durchgeführt wurde. Ihre Aufgabe ist es, die geeigneten Klassifikationskriterien für Ihre Organisation auszuwählen.

Schauen wir uns nun einige Beispiele für Klassifikationskriterien hinsichtlich Auswirkung von Risken und Chancen und die Abgrenzung der Klassen an:

  1. Projektziele
    Wenn die Ziele des Projekts (nicht der Scope im engen Sinne) verändert werden, ist dies eine der kritischsten Änderungen überhaupt. Hier können Sie für die Abgrenzung der Klassen eine Festlegung treffen wie < 10% Veränderung = gering, < 25% Veränderung = mittel, < 50% Veränderung hoch und sonst fatal. 50% ist in diesem Fall ein sehr hoher Wert. Anstatt einen Gewichtungsfaktor pro Klassifikationskriterium einzuführen, empfehle ich Ihnen diesen direkt in die Klassenabgrenzungen einzuarbeiten. Wenn eine Veränderung der Projektziele für Sie besonders kritisch ist, nehmen Sie z.B. als Grenzen 10%, 20% und 30%.

  2. Scope
    Chancen und Risiken können einen mehr oder minder großen Teil des Projektumfangs betreffen. Gliedern Sie dazu den Projektumfang z.B. nach den Prioritäten der Anforderungen in einen unantastbaren Kern, ohne den das Projektergebnis nicht genutzt werden kann, die wichtigen und die weniger wichtigen Anforderungen. Dementsprechend können Sie den Einfluss auf den Scope dann z.B. nach Randbereiche betroffen = gering, wichtige Anforderungen betroffen = mittel, Kernbereich betroffen = hoch und Projektergebnis nicht nutzbar = fatal gliedern.

  3. Zeit, Kosten und Personal
    Analog der Projektziele können Sie hier die Klassen entsprechend des Einflusses des Risikos bzw. der Chance auf die Projektlaufzeit bilden, z.B. über < 10%, < 25%, < 40 und > 40% Veränderung.

  4. Schaden/Nutzen
    Die Schaden-/Nutzen-Bewertung der Auswirkung eines Risikos oder einer Chance kann man entweder monetär durchführen oder viel besser durch eine Beschreibung. Z.B. kann man die Frage, wie weit die Auswirkung reicht, stellen. Handelt es sich um einen projektinternen Schaden/Nutzen, um einen Schaden/Nutzen hinsichtlich des Kunden oder ist die Auswirkung größer als der Projektnutzen?

  5. Qualität
    Der Bereich Qualität ist besonders schwer messbar. Hier können Sie die Klassen z.B. anhand der Hierarchiestufe definieren, die einem bestimmten Grad von Qualitätsveränderung zustimmen muss.

Als Faustregel gilt immer: die höchste erreichte Klassifikation bezüglich eines Kriteriums bestimmt die Klassifikation des Risikos bzw. der Chance. Wenn ein Risiko eine geringe Auswirkung auf die Projektziele und eine hohe Auswirkung auf die Kosten hat, handelt es sich um ein hohes Risiko.

An dieser Stelle empfehle ich Ihnen dringend kleine Karten mit einer Übersichtstabelle mit den Klassifikationskriterien und den Klassen gering, mittel, hoch und fatal herzustellen und Meetingteilnehmern bei der Diskussion von Risiken und Chancen bereitzulegen.

Ein Grundproblem bei der gemeinsamen Risikoqualifikation ist die Messbarkeit. Viele Kriterien lassen schlecht mathematisch erfassen ohne erheblichen Aufwand zu treiben. Wenn Sie eine verbindliche Risikoklassifikation nach Auswirkung in einer Organisation einführen, stimmen Sie diese mit allen Stakeholdern vorher ab, um im Kontext von Projekten ein gemeinsames Arbeitsmittel zur Verfügung zu heben, welches nicht erst noch in Frage gestellt wird.

Welche Kriterien ziehen Sie derzeit für die Risikoklassifikation in Ihrer Organisation heran?

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: