Microblogging (Twitter) – (Un)Sinn in Projekten?

Praxis (Icon)Endlich jemand, der mich versteht? Bernhard Schloß hat sich in seinem Blog in den Postings Microblogging im Projektmanagement und Microblogging im Unternehmen kritisch mit Twitter & Co. auseinandergesetzt. Während des Blogger-Meetings in Berlin vor einigen Wochen habe ich live Twitter-Benutzer diverser „Indoktrinierungsgrade“ erlebt. Auf der einen Seite möchte man natürlich gerne dazugehören, auf der anderen Seite stellt sich einfach die Frage nach dem Aufwand-/Nutzen-Verhältnis sowie den Vorteilen für Projekten. Gerade der erste Punkt wird häufig in dem Sinne kommuniziert, dass man zur Twitter-Community gehören muss um sie zu verstehen und zu wertschätzen. Auf der anderen Seite argumentieren auch Gruppen mit diesem Argument, mit denen man garantiert nichts zu tun haben will. Hier also mein aktueller Stand zum Sinn und Unsinn von Twitter in Projekten:

Aufwand

Zunächst müsste ich die Twits der Leute, denen ich folge, lesen. Da mir meine Zeit heilig ist, versuche ich möglichst im Vorfeld bereits die Informationsmenge zu reduzieren. Und auf 140 Zeichen lässt sich wenig mitteilen. Wenn ich selbst twittern würde, müsste ich auch in einer gewissen Regelmäßigkeit Relevantes loslassen. Nur gibt es wenig auf 140 Zeichen, mit dem ich die Zeit meiner Mitmenschen in Anspruch nehmen möchte. Wenn, dann äußere ich mich lieber richtig und halbwegs durchdacht.

Nutzen
Die Grundfrage für mich ist: warum noch ein Tool/Kanal, wenn ich das Gleiche bereits mit anderen Mitteln erreichen kann? Der positive Aspekt von Twitter ist, dass ich auswählen kann, von welchen Personen ich Kurzinformationen erhalten möchte. An der Stelle bevorzuge ich persönlich die inhaltsreicheren Postings aus Blogs o.ä. Per RSS-Feed werde ich genauso aktuell gehalten, als wenn ich nun Follower wäre.

Hinsichtlich Projekten wird häufig damit argumentiert, dass man eine Projekthistorie erstellen würde. Dies kann man ebenfalls mit einer ausreichend großen Auswahl von Web 2.0-Tools erreichen. Mein Eindruck ist eher, dass Twitter eine Mode ist, die Gefahr läuft mangels Geschäftsmodell unterzugehen. Im privaten Umfeld hat Twitter seine Berechtigung und ist eine wunderbare Idee, wenn Projektmitarbeiter es zusätzlich für sich nutzen wollen ist überhaupt nichts einzuwenden. Im Rahmen von Projekten denke ich, dass sowohl die Zahl der Tools und Kanäle, als auch die Menge der Informationen im Rahmen gehalten werden sollte. Denn Microblogging verleitet dazu weniger Relevantes zu verbreiten und dies belastet die verfügbare Zeit von Sendern und Empfängern.

In Sinne von weniger ist mehr bin ich davon überzeugt, dass man seltener und dafür gehaltvoller kommunizieren sollte und dann zu Tools greift, die einem mehr Möglichkeiten bieten als Twitter.

Und nun die ketzerische Frage: haben Sie bereits Twitter in einem Projekt eingesetzt und damit einen nachweisbaren Vorteil erzielt, der die Aufwände rechtfertigt?

11 Responses to Microblogging (Twitter) – (Un)Sinn in Projekten?

  1. Danny Quick sagt:

    Wir haben ebenfalls gute Erfahrungen mit Microblogging in Projekten gesammelt. Genau dann, wenn der Termindruck zunimmt und noch viele Einzelaufgaben offen sind. So konnten wir trotz verteilter Arbeitsplätze schnell einen Überblick über den Fortschritt der Tätigkeiten erhalten. In Zeiten großer Emailflut müssen sich die Administratoren Gedanken über ein Archivsystem machen und teurer Lösungen mit viel Speicherplatz bereit stellen. So halte ich die Beschränkung auf kurze Texte für sinnvoll und für notwendig. Und das Beste, man kann sich aussuchen von wem man die Nachrichten erhalten möchte – und von wem nicht. Das funktioniert bei dem Medium Email leider nicht (so gut).

  2. @Mike Lanxess: Welches Microblogging-Tool verwendet Ihr für Eure Projekte?

    Ich bin Produktmanager bei ZCOPE (www.getzcope.com), einer Projektmanagement-Software mit integriertem Projekt-Blog. Daher würde es mich interessieren, ob von den Usern Vorteile im Microblogging gegenüber dem üblichen Blogging gesehen werden. Oder siehst Du da keinen Unterschied?

  3. Meine Vorredner haben schon sehr viel gesagt. Die Nutzung von Twitter im Sinne einer community ist das eine. Twitter als PM Werkzeug halte ich persönlich für unbrauchbar. Eine Microblogging Lösung um parallel während kreativen Arbeitens eine Dokumentations-Option zu haben, die synchron oder asynchron von anderen Projekt-Mitgliedern nachvollzogen werden kann, kann in einem Projekt ein wertvolles Werkzeug sein. Der Schwerpunkt von Microblogging liegt dabei aber sicher nicht im Bereich Management.

    • Ich komme mir vor, als hätte ich in ein Wespennest gestochen mit meinem Posting. Das ist gut! Ich werde die Argumente und Fakten in einem neuen Posting aufgreifen, zunächst aber einfach die Diskussion weiter verfolgen.

  4. surfguard sagt:

    Und nun die ketzerische Frage: Haben Sie bereits Kaffeeküchen-Gespräche in einem Projekt eingesetzt und damit einen nachweisbaren Vorteil erzielt, der die Aufwände rechtfertigt?

    Microblogging, von dem Twitter nur eine Ausprägung ist, und zwar bestimmt diejenige, die sich für Projekte am schlechtesten eignet, Microblogging also verteilt Information dezentral auf zwanglose Art und Weise. Wenn Sie sich als Projektleiter davon keinen Vorteil versprechen: Lassen Sie die Finger davon! Schreiben Sie dann lange, gehaltvolle Memos und tauschen Sie die mit ihren Projektmitgliedern aus.

  5. Eine spannende Diskussion, gerade weil so kontrovers geführt. Es ist aus meiner Sicht ganz wichtig zu betonen: Twitter ist eben NICHT für Projekte und Microblogging in Firmen geeignet und sollte damit nicht gleichgesetzt werden.
    Um auf Ihre – überhaupt nicht ketzerische – Frage zu antworten: Ja, wir setzten Microblogs seit mehr als 8 Monaten für die Mehrzahl unserer Projekte ein. Die Nutzung kostet weniger Zeit, als für die E-Mail-Kommunikation notwendig ist, dafür ist der Nutzen durch die höhere Transparenz umso größer. Projektmicroblogs sind aus unserer Arbeit nicht mehr wegzudenken. Im Gegensatz zu Twitter erleben wir im Firmen-Microblog eben gerade weder sinnlosen Smalltalk noch eine zu-viel an weniger relevanten Informationen, sondern rein fachliche auf das Projektgeschehen fokussierte Informationen mit hoher Relevanz für das Team und das nähere Umfeld. Es ist spannend, dass selbst zu erleben.
    Die Anmerkung, dass Microblogging „noch ein Kanal“ ist, ist natürlich berechtigt. Deshalb wird Microblogging bei uns gerade in die vorhandene Infrastruktur von Projekträumen (in Sharepoint) und Projekt-Wikis (in Confluence) integriert.

    In unseremm Blog habe ich zur aktuellen Diskussion einige aus meiner Sicht wichtige Punkte zusammengefasst und kommentiert:
    http://www.humannetworkcompetence.de/2009/06/23/enterprise-microblogging-in-der-diskussion/

  6. Mike Lanxess sagt:

    Wir haben jetzt 10:00 Uhr. Heute morgen habe ich bereits in drei Projektmicroblogs angeschaut, was die Kollegen gestern gemacht haben. In drei Fällen konnte ich gleich ein unmittelbares Feedback geben, in zwei Fällen konnte ich zumindest einen Tipp geben, obwohl ich nicht unmittelbar in das entsprechende Teilprojekt eingeplant war. Und ich hab einen für mich wichtigen Hinweis bekommen, den muss ich gleich nachher mit dem Kollegen besprechen.

    Der Denkfehler ist glaube ich, Microblogging im Unternehmenskontext mit Twitter zu vergleichen. Es geht nicht mit 140 Zeichen, typischerweise sind es bei uns 3 – 5 Zeilen Text zu projektrelevanten Themen. Nix privates. Und das ganz in Form einer gut strukturierten Diskussion, mit Schlagworten versehen und in unterschiedlicher Art filterbar.

    Nicht zu vergleichen mit dem unhandlichen E-Mail-Aufkommen und der bürokratischen Projektdokumentation in früheren Projekten.

    Übrigens hat unser PMP-zertifizierter Projektleiter auch fürchterlich Angst vor so einem neuen Werkzeug. Aber er lernt schnell damit umzugehen und hat zunehmend Spass daran. Vor kurzem hat er gesagt, jetzt weiß er endlich mal zeitnah was im Projekt los ist. Wir hätten ihm auch keine andere Chance gegeben 🙂

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