Systemisches Projektmanagement – sinnvoll oder Mode?

Meinung (Icon)Sucht man im Internet nach dem Stichwort Systemische Beratung oder Systemisches Projektmanagement so bekommt man eine Vielzahl von Links angeboten zu Seminaren und Coachingangeboten. Liest man auch nur ein bisschen weiter, so stellt man fest, dass es nahezu kein einheitliches Bild gibt, was denn nun unter systemischem Projektmangement verstanden wird.

Winfried Berner schreibt dazu im Change Management Forum einen sehr deutlichen Artikel. Ich selber verwende den Begriff systemisch überhaupt nicht, weil er längst bis zur Bedeutungslosigkeit totgeritten wurde. Mittlerweile ist ja alles für systemisch: systemisches Coaching, systemisches Konfliktmanagement, systemische Beratung, und selbstverständlich auch systemisches Change Management. Nun also systemisches Projektmangement – auf systemisches Qualitätsmanagement und systemisches Reengineering darf gewartet werden.

Werfen wir noch einen zweiten Blick darauf…

Was ist eigentlich systemische Beratung

Systemische Beratung bezeichnet beraterische Unterstützung von unterschiedlichen Systemen, basierend auf systemischer Grundlage. Theoretischer Hintergrund sind u.a. System- und Kommunikationstheorie. Die Systemtheorie ist ein Modell, in dem Systeme zur Beschreibung und Erklärung unterschiedlich komplexer Phänomene herangezogen werden. Die Analyse von Strukturen und Funktionen soll häufig Vorhersagen über das Systemverhalten erlauben. Bei der systemischen Beratung stehen dabei vornehmlich die Personen und ihre bewussten und unbewussten Interaktionen im Vordergrund. Daher wird systemische Beratung häufig auch als „ressourcenorientierte Beratung“ bzw. „lösungsorientierte Beratung“ bezeichnet.

Kern der aktuellen Systemtheorie ist, dass sich komplexe Systeme durch Undurchschaubarkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit auszeichnen, dass sich beispielweise Organisationen trotz aller Führungs- und Managementbemühungen in erster Linie selbst organisieren. Man kann diese Beschränkungen verneinen und versuchen, gegen sie zu operieren, oder man kann sie zur Rahmenbedingung professionellen Handelns machen. Die aktuelle Systemtheorie entwickelt gerade aus Letztgenanntem ihre Überlegenheit im Umgang mit komplexen Systemen wie Individuen, Gruppen, Organisationen.

Systemische Ansätze im Projektmanagement

Ist dies nun ein Ansatz der auch ein Projekt erfolgreich machen kann?
Meine persönliche Meinung hierzu ist: sicher nicht als Komplettansatz. Aber in einigen Projektbereichen können die Methoden aus der systemischen Beratung sicherlich sehr zum Erfolg beitragen, nämlich überall dort, wo für den Erfolg das Verständnis und die Mitarbeit vieler Personen im Zusammenspiel notwendig ist.

  • Stakeholderanalyse
    Die meisten Projekte scheitern nicht an der Technologie, sondern an den teilweise widersprüchlichen Erwartungshaltungen der Menschen im Projekt und die das Projektumfeld an das Projekt hat. Nicht erkannte Widerstände durch die Projektgegner sind ebenfalls ein wichtiger Faktor der Projekte zum Scheitern verurteilen kann. Wie man eine Analyse aller Stakeholder, ihrer Intentionen und ihrer Verbindungen untereinander durchführt, gehört zwar mittlerweile zum Standard-Projekt-Know How, kann aber durch Ansätze aus der Systemischen Beratung deutlich erweitert und verbessert werden.

  • Anforderungsanalyse
    In vielen Fällen geht es in Projekten um äußerst komplexe Problemstellungen. Nicht für alle Themen kann der Projektleiter Experte sein oder entsprechende fachliche Experten im Team haben. Dennoch ist es unumgänglich das im Projektumfeld durch den Auftraggeber und weiteren fachlichen Kollegen vorhandene Wissen richtig zu nutzen. Systemische Beratung liefert hier Ansätze und Techniken, mit denen vor allem die Anfordernden (Auftraggeber, Fachbereiche) in entsprechenden Gesprächen dazu befähigt werden, ihre Anforderungen klar, konkret und vollständig zu formulieren.

  • Change Request Management
    Hier gilt das gleiche wie für Anforderungsanalyse: durch die richtige Fragetechnik und das richtige Aufzeigen der sich ergebenden Konsequenzen wird es für den Anfordernden möglich selbst zu erkennen, ob ein Change wirklich notwendig ist und ob er den ihm angedachten Mehrwert bringt.

  • Change Management
    Kaum ein Projekt zieht keine organisatorische Veränderung mit sich, z.B. durch geänderte oder verbesserte Arbeitsabläufe, oder das Ziel des Projektes ist von Beginn an eine Organisationsveränderung. Veränderungen stoßen naturgemäß zunächst häufig auf Widerstände. Daher ist das Management einer Veränderung geprägt von Kommunikation und der Bewältigung von Widerständen, Konflikten und Krisen. Eine Analyse der Beteiligten und Betroffenen und der verschiedenen Einflussfaktoren und Strömungen denen sie unterliegen, sowie daraus abgeleitet der richtige Umgang mit diesem komplexen System ist der maßgebliche Faktor für den Erfolg eines Change Managements.

  • Krisenmanagement
    Viele Projekte geraden früher oder später in die Krise, z.B. durch widersprüchliche oder ungenügend spezifizierte Erwartungshaltungen bei den Anforderern. Daraus entstehende Changes, die dann den Umfang, die Laufzeit oder das Budget des Projekts in Gefahr bringen. Unmotivierte Mitarbeiter oder schlechte Arbeitsleistung sind weitere Nachteile die daraus entstehen. Auch hier kann eine tiefgreifende Analyse der gegenseitigen Zusammenhänge und Wechselwirkungen und die Fähigkeit dies anschließend auszusteuern wesentlich zum Erfolg eines Krisen Managements beitragen.

Ist das alles?

Sehen Sie noch weitere Bereiche in Projekten wo der systemische Ansatz von Nutzem sein kann? Ich freue mich sehr über Ergänzungen.

9 Responses to Systemisches Projektmanagement – sinnvoll oder Mode?

  1. Aron sagt:

    Naklar gibt es noch einige mehr z.B. Konfliktmanagement und v.a. Teambuilding und alle anderen Teamprozesse würde ich auch noch dazu zählen. Ein Projektteam ist ja auch ein System.

  2. […] großen Teil der PM-Blogger hat diese Woche Sandra Mians Artikel Systemisches Projektmanagement – sinnvoll oder Mode? zu Kommentaren veranlasst. Mein stark vereinfachtes Resümée: alles was sich systemisch schimpft, […]

  3. Ich möchte mich der Auffassung von Stefan Hagen voll und ganz anschließen, sowohl was den „Wortmissbrauch“ angeht, als auch was den möglichen Nutzen betrifft.
    Winfried Berner äußert sich ja reichlich despektierlich über die Theorie sozialer Systeme. In diesem Punkt möchte ich Berner deutlich widersprechen. Diese Theorie liefert uns sicher keine Patentlösungen, gibt uns aber die Möglichkeit Zusammenhänge (sogar politische über die wir in Projekten immer wieder stolpern) adäquat zu beschreiben und zu diksutieren (was dann zur Problemlösung beiträgt). Umfeldanalyse, Stakeholderanalyse sind hierfür sicher geeignete Beispiele, die auf der Differenzierung von Rollen, Beteiligten, Betroffenen beruhen. Berners Einwand man könne Systemtheorie nicht einfach auf soziale Zusammenhänge übertragen überrascht mich insofern als ich diesen Ansatz beispielsweise bei Luhmann auch gar nicht finden kann. Im Gegenteil hier wird nicht einfach übertragen, sondern auch wieder (im besten Sinn des Wortes) fein säuberlich differenziert.

  4. […] Systemisches Projektmanagement – sinnvoll oder Mode? […]

  5. Was heißt den hier bitte “systemisch”: http://www.jahooda.com/?p=442

  6. SH sagt:

    Du hast absolut recht, dass das Wort „systemisch“ inflationär und häufig falsch verwendet wird. Schade eigentlich…

    Denn hinter den systemischen Ansätzen und Prinzipien steckt meines Erachtens ein enormes Potenzial, um komplexe Probleme und Situationen einigermaßen beherrschbar zu machen. Für mich gehören Grundkenntnisse des systemischen und vernetzten Denkens zum „Basis-Werkzeug“ eines jeden Projektmanagers.

    Ich seh’s übrigens nicht so, dass diese systemischen Prinzipien und Methoden nur bei den genannten Planungsschritten angewendet werden sollten. Denken und Handeln in systemischen Zusammenhängen ist in Projekten „systemimmanent“, sprich vom ersten bis zum letzten Schritt.

    Denn Projekte sind in sich komplexe, psycho-soziale Systeme, die auch nur mit denselben Prinzipien ge-managed werden können.

    Grüße, Stefan

    • Sandra Mian sagt:

      Danke für Dein Feedback. Ich stimme Dir zu, dass Denken und Handeln in systemischen Zusammenhängen in einem Projekt vom ersten bis zum letzten Schritt wichtig ist.

      In der ganzen Verweichung des Wortes “systemisch” und der damit verbundenen Auflösung der eigentlichen Bedeutung wollte ich ein nur paar ganz konkrete Beispiele geben, um das Potential doch noch mal offensichtlicher zu machen.

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