Vom Standard zur Methodik: Tailoring

Standardisierung (Icon)Den Kommentaren im Artikel zum Praktischen Nutzen von Standards liegt die Frage nach der Unterscheidung von Standards und Methodiken zugrunde. Neben der Antwort auf die Frage, möchte ich konkret den Nutzen von Methodiken darstellen.

Zunächst eine kurze Begriffsklärung:

  • Projektmanagement-Standards sind mehr oder weniger formelle Regelwerke, die auf Basis von best practices erstellt werden.
    Beispiele: PMBOK, PRINCE2, NCB, ICB, DIN 69901 und ISO 21500

  • Eine Methodik ist strenggenommen die Gesamtheit der wissenschaftlichen Methoden einer Fachwissenschaft.
    Beispiel: Projektmanagement-Methodik in einer Organisation

  • Eine Methode beschreibt die Art und Weise eines Vorgehens, in diesem Fall im Rahmen einer Methodik.
    Beispiel: Earned Value Methode

  • Projektmanagement-Handbücher beschreiben die Umsetzung einer Projektmanagement-Methodik in einer Organisation.

Nun den Staub vom Bildschirm pusten, es geht pragmatischer weiter.

In den meisten Organisationen mit einem standardisierten Vorgehen hinsichtlich Projektmanagement, existiert ein Projektmanagement-Handbuch mit einer Beschreibung von Prozessen, Methoden etc. Es soll den Projektmanagern als Leitfaden in der Praxis dienen, ist allerdings oft ein lange nicht mehr aktualisiertes theorielastiges Werk. Ziel ist trotzdem, eine konkrete Anleitung für Projektmanager auf Basis ihrer grundlegenden Berufserfahrung zu geben.

Um dorthin zu kommen, kann aus den gängigen Projektmanagement-Standards ein Standard ausgewählt und als verbindlich erklärt werden. Umgekehrt können in einer Organisation bereits umfangreiche Regelungen vorliegen, die an einen Projektmanagement-Standard angeglichen werden sollen.

In beiden Fällen sind mehrere Schritte vom Standard zur Methodik notwendig:

  1. Ist-Analyse des Projektmanagements in der Organisation
  2. Auswahl eines geeigneten Projektmanagement-Standards
  3. Definition einer angepassten Projektmanagement-Methodik oder
  4. Weiterentwicklung der Methodik
  5. Einführung (Organizational Change Management)
  6. Coaching
  7. Reviews

Der Wertzuwachs, der im Rahmen der Tailoring-Schritte geschaffen wird, basiert auf der praktischen Ausgestaltung des durch den Standard vorgegebenen Rahmens durch Schritte wie

  1. Definition der organisationsspezifischen Rollen und Verantwortlichkeiten
  2. Auswahl/Ergänzung der Prozesse des Standards
  3. Ausgestaltung der Prozesse auf Basis der Hinweise des Standards und den Eigenschaften der Organisation
  4. Auswahl und Beschreibung der Methoden und Verfahren
  5. Definition der Schnittstellen des Projektmanagements in der Organisation
  6. Konkrete Templates für die Methodik
  7. Auswahl und Einführung eines Projektmanagement-Tools

Die Liste läßt sich mit Sicherheit verlängern. Der größte Teil des Mehrwerts einer Methodik geht nicht auf das Konto des Standards, sondern auf das des geeigneten Tailorings. Die ganze Mühe macht sich aber auch nur dann bezahlt, wenn die Einführung der Methodik funktioniert und sie konkret angewendet wird. Meist wird der Aufwand für die Einführung erheblich unterschätzt.

Der Mehrwert einer Methodik basiert auf folgenden Punkten

  1. Anpassung an die Organisation
  2. Konkrete Handlungsanleitung für Projektmanager
  3. Vereinheitlichung der Prozesse und Methoden
  4. Klare Rollen, Verantwortlichken und Schnittstellen
  5. Toolunterstützung

Konkretes Beispiel: das PMBOK empfiehlt nur den Einsatz der Earned Value Methode, eine Methodik beschreibt ihre Anpassung und ihren konkreten Einsatz in einer Organisation.

Nach diesem spontanen Nachschlag zu Methodiken, widme ich mich im nächsten Posting zu meinem Vortrag beim PMI Berlin/Brandenburg Chapter den Erfolgsfaktoren für Projektmanagement. Viele glauben an lange Listen, ich glaube nur an drei Punkte.

4 Antworten zu Vom Standard zur Methodik: Tailoring

  1. […] von PM-Standards empfehle ich euch den Beitrag von Andreas Heilwagen, sowie eine Anleitung wie ich vom Standard zur organisationsspezifischen Methodik […]

  2. […] und in den USA, Asien und Europe verbreitet. Dieser Standard eignet sich als Rahmen für die Entwicklung einer eigenen Projektmanagement-Methodik aufgrund des starken Bezugs zu Prozessen und Methoden. Das PMBOK ist durch das American National […]

  3. Die Beziehung zwischen Standards und best practices ist zyklisch. Auf der einen Seite basieren Standards auf hoher Ebene auf best practices, auch wenn diese dann nur gestreift werden. Auf der anderen Seite entwickeln sich wiederum best practices aus Standards (vgl. Request for Research Proposal des PMI unter http://www.pmi.org/Resources/Pages/BestPractices.aspx). Alles was „konkret“ ist, ist nicht unbedingt allgemeingültig, deshalb ist es auch so schwer Templates zu verallgemeinern. Spätestens beim Firmenlogo will jeder seine eigene Variante.

  4. Sandra sagt:

    Vielen Dank für diese sehr gelungene Unterscheidung zwischen Standard und Methodik. Ich frage mich dann allerdings wieso sich die Standards wie z.B. PMI dann als Best Practice bezeichnen können, wenn sie doch lediglich eine Leitplanke für das Vorgehen darstellen. Mit dem Begriff Best Practice verbinde ich doch eher ein konkretes Vorgehen als ein Rahmenwerk.

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