Plädoyer für professionellen Chancenmanagement

Derzeit führe ich Projektmanagement als Methodik bei einem großen internationalen Handelskonzern ein. Natürlich steht in diesem Zusammenhang auch Risikomanagement auf der Tagesordnung. Allerdings gehört zu einem modernen Risikomanagement auch Chancenmanagement. Nur scheint Letzteres lediglich ein Stiefkind zu sein, zumindest wenn man sich PMBOK, ICB, NCB, DIN etc. ansieht.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschaftskrise stellt sich verstärkt die Frage, welchen neuen Mehrwert Projektmanagement bieten kann. Chancenmanagement ist aus meiner Sicht hier ein Kandidat mit hohem Potential.

Deshalb folgt hier mein Plädoyer für ein professionelles Chancenmanagement mit konkreten Tipps, flankiert von einem Diskussions-Thread bei XING zur Weiterentwicklung des Themas.

Auf der Suche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen rund um Projektmanagement bin ich in den letzten Monaten nur auf wenige Ergebnisse gestoßen. Eine Diskussion mit dem Dekan einer renommierten deutschen Fachhochschule bestätigte diesen Eindruck. Somit stellt sich die grundsätzliche Frage, wer denn nun eine Weiterentwicklung von Projektmanagement-Themen treibt.

Wer treibt die Weiterentwicklung des Projektmanagements?
Für Hochschulen stellt sich das Problem, dass sich gutes Projektmanagement aus den Faktoren Berufserfahrung, Wissen im Fachgebiet des Projektes und Projektmanagement-Theorie ergibt (vgl. pjmb.de – Philosophie). Die theoretischen Aspekte des Projektmanagements verteilen sich auf viele Wissensgebiete, die jeweils ihre eigene Forschung betreiben. Somit sammeln sich zum Thema Projektmanagement meist die Ergebnisse anderer Disziplinen. Eine geziele Weiterentwicklung des Themas Projektmanagements ist also aus dieser Richtung nicht zu erwarten.

Meine Erfahrungen beim DIN im Rahmen der Weiterentwicklung der Projektmanagement-Norm DIN 69901:2009 zeigen, dass manche Themen noch keine Normungsreife erreicht haben. Dazu gehört u.a. Chancenmanagement. D.h. in den Standards werden die etablierten Elemente von Projektmanagement kodifiziert und keine neuen Anstöße gegeben.

Die Berufsverbände arbeiten an einer Weiterentwicklung des Berufsbildes des Projektmanagers. Dazu greifen sie auf die Mitglieder und Arbeitskreise zurück. Hier werden konkrete Ergebnisse produziert, allerdings im Kontext eines bestimmten Standards und immer wieder auf Kosten politischer Irritationen innerhalb und zwischen den Berufsverbänden.

Deshalb möchte ich standardübergreifend über die Diskussion von Projektmanagern zu ausgewählten Themen den Stand der Technik und weitergehende Entwicklungen sammeln und auswerten. Konkret werde ich dazu jeweils eine Diskussiongrundlage liefern, eine Diskussion (z.B. in XING) anstoßen und anschließend die Ergebnisse der Diskussionen zusammenfassen.

Chancenmanagement: der aktuelle Stand
Sowohl im PMBOK-Standard des PMI, als auch der International Competency Baseline (ICB) der IPMA und der National Competency Baseline (NCB) der GPM wird Chancenmanagement lediglich als Notwendigkeit genannt. Allerdings werden, im Gegensatz zu vielen anderen Themen, keine konkreten Hinweise für die Praxis gegeben. DIN 69901:2009 enthält im Gegensatz zu den Werken der führenden Berufsverbände keine Hinweise auf Chancenmanagement, da hier aus Sicht der Ausschuss-Mitglieder die Normungsreife des Themas fehlt. Frei verfügbare Literatur schweigt sich ebenfalls zum Chancenmanagement in Projekten aus.

Hinweis: Die weiteren Ausführungen gehen von der Kenntnis eines gängigen Projektmanagement-Standards, insbesondere der jeweiligen Auffassung von Risiko- und Chancenmanagement aus.

Warum unterscheiden sich Risiko- und Chancenmanagement?
Das PMBOK beschreibt Chancen lediglich als positive Risiken. Allerdings unterscheiden sich beide grundsätzlich:

  • Risiken werden vor dem Hintergrund des erwarteten Leidensdrucks bei ihrem Eintreten identifiziert und gemanaged. Chancen dagegen können ignoriert werden, da man im Allgemeinen keine Konsequenzen zu befürchten hat. Bestenfalls sind Ruhm und Ehre der Lohn, seltener wirtschaftliche Vorteile.

  • Chancen müssen gezielt gesucht werden. Die Mittel entsprechen nur teilweise denen der Risikoidentifikation. Es muss über den berühmten Tellerrand geblickt und Potentiale identifiziert werden, um das Gleichgewicht der Projektrandbedingungen (triple constraint oder weiterentwickelt Pentagon) positiv zu beeinflussen

Weitere Faktoren für Chancenmanagement sind:

  • Chancen müssen angenommen werden, d.h. die durch ihre Nutzung verursachte Mehrarbeit muss ins Verhältnis zum Nutzen gestellt und eine Entscheidung getroffen werden.

  • Für die gezielte Suche nach Chancen können
    • Experten befragt werden und
    • mit best practices und
    • Benchmarks verglichen werden.
  • Letztlich ist immer die Grundfrage zu stellen: „Wie können wir es einfacher, schneller und besser machen?“
  • Eine Herausforderung wird immer sein, gesunden Menschenverstand einzusetzen trotz der unvermeidlichen „Betriebsblindheit“.

Am Ende werden dem Auftraggeber mit Chancen Angebote unterbreitet. D.h. sie müssen nach dem Durchlaufen der Risiko- und Chancenmanagementprozesse als Change Request formuliert werden. Eine positive Entscheidung auf der zugehörigen Ebene führt dann zum weiteren Management einer Chance gemäß den definierten Prozessen.

Wie geht es weiter?
Meine Bitte an Sie ist nun durch Kommentare im Blog und Beiträge in der <a href=“https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;wsa=19518618.fcdcc6;id=14886208″Diskussion bei XING Ihre Erfahrungen mitzuteilen und an der inhaltlichen Weiterentwicklung des Themas mitzuwirken. Eine zusätzliche Erkenntnis wird sein, ob und wie solcherart gestartete Diskussionen zu verwertbaren Ergebnissen und zum Erfahrungsaustausch dienen können.

Erste Anregungen kann die XING-Diskussion Chancen-Management vom Oktober 2007 liefern.

3 Antworten zu Plädoyer für professionellen Chancenmanagement

  1. […] die mit einer rein monetären Risikobewertung einhergehen. Darüber hinaus bin ich der Ansicht, das Chancenmanagement als Wettbewerbsfaktor eine viel höhere Bedeutung zugemessen werden […]

  2. Ja warum…weil ein sogenannter Durchschnittsmensch kaum eine Motivation hat, sich im Projektmanagement mit Chancen zu beschäftigen. Der ebenso durchschnittliche Auftraggeber wird nämlich mit einem „erfolgreichen“ Projekt unter Berücksichtigung von Risikomanagement zufrieden sein.
    In der nicht allzufernen Zukunft möchte ich Chancenmanagement in der Praxis nicht nur etabliert, sondern auch vom Auftraggeber als selbstverständlich erachtet sehen. D.h. von Projektleitern wird erwartet, dass sie Chancen aktiv suchen und nutzen.
    Damit bewegen wir das Chancenmanagement vom „Ruhm und Ehre“-Feld in den Pflichtbereich und stellen damit einen „neuen“ wertschöpfenden Anteil von Projektmanagement sicher.

    Die Trennung ist notwendig, da man „nur“ mit den Mitteln des Risikomanagements alleine Chancen nicht professionell managen kann…zumindest meiner Meinung nach.

    Wird meine Motivation damit klarer? Ansonsten bitte einfach nochmal aus einer alternativen Richtung nachfragen um die „fehlenden“ Informationen aufzudecken.

  3. Für mich kommt immer noch nicht so recht raus WARUM du Chancen- und Risikomanagement trennen willst?

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